Das Lächeln der Durga

Mail an Linda Samaraweerová am 1. Mai 2010 - Hey Linda, jetzt check ich auch, woher Ihr das Lächeln habt, alle Götter und Göttinnen im Hinduismus lächeln. Unglaublich, dieses Mona Lisa-Lächeln, ein bizarres Lächeln, ein nicht zu erratendes, nicht klar deutbares Lächeln. Das geheimnisvolle Lächeln. Das gütige, erhabene Lächeln, das souverän über Kleinigkeiten hinweg sieht, das sich nicht so schnell aufregt, sondern eher mal ein Auge zudrückt, bzw. eben nicht zudrückt, schaut und aber einfach nur wahrnimmt, nach außen hin nicht urteilend, aber eben erhaben, darüber stehend. Und weil es so unveränderlich ist, hat es auch etwas Geheimnisvolles, etwas Beängstigendes, man weiß nicht, was die Gottheit nun wirklich denkt. Und lächelt sie weiter aus Güte oder lächelt sie, um den Schein zu wahren. Kann sie auch zornig werden? Das Lächeln ist geradezu eine Herausforderung. Was muss ich tun, dass sich etwas in ihren/seinen Gesichtszügen regt, verändert, wann und/oder wie erfahre ich eine Reaktion? Wann werde ich wahrgenommen, was muss ich tun, um wahrgenommen zu werden? Das Kind schreit, damit sich jemand ihm zuwendet. Es macht Blödsinn und tut böse Dinge, damit es wenigstens die Zuwendung eines Anschisses entgegengebracht bekommt. Was machen die Hindus? Oder fühlen nur wir Europäer uns derartig herausgefordert? Und was hat Da Vinci über das Lächeln der Mona Lisa gesagt?
Würde man ihnen nicht am liebsten ins Gesicht schlagen, wenn es keine Gottheiten wären? Warum macht mich der überheblich lächelnde Politiker, der die Macht eh schon inne hat, so böse? Weil ich ihm den Status einer Gottheit nicht zuerkennen möchte? Warum mag ich es lieber, wenn auch mal wer verletzlich erscheint? Weil er dann nicht mehr der Überhöhung angehört, weil es ihn menschlicher macht. Warum lächeln Jesus und der heilige Geist nicht? Warum lächelt Maria nicht? Warum sind ihre Gesichter immer vom Leiden verzerrt oder geprägt? Von Einsamkeit, von dem bösen Tun anderer Menschen? Welche Ein- und Ausgrenzung wird im Christentum damit vollzogen? Ist das Souverän nicht auch souverän gegenüber Andersdenkenden, gegenüber Bösewichten, gegenüber Andersgläubigen? Gibt es eine Tradition der Missionierung im Hinduismus?

Liebe Linda, ich arbeite gerade die Choreographie für den 8. Mai. Und ich würde gerne Ikonographien von Shiva, der Durga, der Venus von Willendorf und im Kontrast dazu bzw. in der Entwicklung dahin von Maria (Christentum), den segnenden Jesus, etc. für MONSTERFRAU verwenden.

Nun ist mir deutlich geworden, dass das sehr nah an Eurer Arbeit ist und im Prinzip die Idee des Chanson de geste verwendet, wenn man den Begriff im wörtlichen Sinne versteht und nicht in seinem historischen theater- oder tanzgeschichtlichen Sinne.
Dessen bin ich mir soeben bewusst geworden, möchte Dir das mitteilen und Dich fragen, wie wir damit umgehen sollen. Böse Zungen, die meiner Meinung nach nichts von Kunst verstehen, würden vielleicht sagen, ich hätte Eure Idee, Euren Arbeitsansatz geklaut/entwendet. Andere würden vielleicht sagen, naja, Künstler beeinflussen sich in ihrer Arbeit immer gegenseitig und das passiert, das ist auch gut so, nur muss man wissen, wie man sich selbst einander damit begreift. Und das ist nun die Frage, die ich mit Dir besprechen möchte.
Gerne kann ich schauen, ob man Euch speziell in das Programmheft nimmt, die Zusammenarbeit mit Euch stärker hervorhebt, um Quellen und Einflüsse zu kommunizieren. Das müsste ich mit Johannes abklären. Momentan weiß ich gar nicht genau, ob es so ein Abendprogramm geben wird. Das könnte man aber organisieren.
Wie siehst Du das?

Lg Lena.

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