Ästhetische Erfahrung als Ewigkeitsmoment

für die Bezirkszeitung BRE der Grünen Brigittenau (Seite 6) zum Thema "Altern", Wien 02/2012

Die bildende Künstlerin Katharina Razumovsky, wohnhaft und tätig im 2. Bezirk in Wien, zeigt in „Kissen“ eine Körpercollage aus jung und alt. Nicht die Körper sind in Kissen gebettet, die Kissen sind selber Körperteile – die wechselnden Maskeraden werden zu Sinnbildern stetiger Transformation. Grimassen oder schreckgeweitete Augen setzen die allzu menschliche Angst vor Veränderung in Szene. Katharina Razumovsky im Gespräch mit Michael-Franz Woels und Lena Wicke-Aengenheyster

„Der Prozess des Alterns ist das 'Sich-Gewahr-Werden' der eigenen Endlichkeit. Und die Endlichkeit ist etwas, das Angst macht. Kunst hat, glaube ich, immer auch einen therapeutischen Aspekt. Sie ist ein Sich-Veräußern und Sinn-Geben, indem man sich wiederfindet in der Welt und dann neu interpretiert - in einen Sinnzusammenhang stellt. Das ist das, was uns an der Kunst glücklich macht, die Versöhnung mit unserer Endlichkeit, unserer Vergänglichkeit. Das ist auch so ein Aufblühen von Weisheit.
Auch denke ich an Proust, an die 'Suche nach der verlorenen Zeit' und an die Möglichkeit, in der Kunst eine zweite, nicht lineare Zeitebene zu finden. Eine Zeitebene der Ewigkeit im ästhetischen Erfahren. In dem man quasi versinkt in Musik, Literatur, Gedichten oder Bildern gibt es so ein Ewigkeitsmoment. Das ist wie beim Shopping, wenn man Kleider anschaut und auf einmal nicht mehr weiss: 'Steh ich hier jetzt seit Stunden?'  Die ästhetische Erfahrung löst das Moment der Ewigkeit aus und nimmt uns, wenn auch nur "im Spiel", die Angst vor dem Ende.
Ich bin ja auch Mutter und man sagt, Mütter müssten Grenzen setzen. Ich war dazu immer unfähig. Aber der Tod - das ist wie bei einem Kind, das gegen die Wand rennen muss, um sich selbst zu spüren. Das Bewusstsein des Widerstands gibt uns irrsinnige Lebenslust. Wenn Du den Tod als solch einen Widerstand erfährst, ist er belebend, motivierend. Freud sagt ja auch: 'Das Endziel des Lebens ist der Tod.' Das ist wohl wirklich so.“

Aktuell ist die Installation „Asyl“ der Künstlerin in der Galerie Julius Hummel/Bäckerstraße 14/1010 Wien zu sehen. Weitere Informationen unter www.razumovsky.at