Camouflage

(for english version see below)

Text von Sue Bringer, Wien am 8. November 2010

zur Veröffentlichung in der Publikation UNDERGROUND CITY Vienna 21

Die Performancekünstlerin Lena Wicke-Aengenheyster war zum Festival UNDERGROUND CITY Vienna 21 eingeladen. Ausgehend von ihrer Performance 'THIS IS NOT A BURKA! Just clothes.' am 15. Mai – 15- Juli und 30. September – 30.Oktober im öffentlichen Raum in Hamburg, Berlin, Linz und Wien entwickelte Lena Wicke-Aengenheyster für das Festival das performative business 'RECONQUERED privacy', welches den Vertrieb variierender Modelle von Khimar und Niqab vorsieht - for fashion and freedom. Lena Wicke-Aengenheyster war während des gesamten Festivals in der so-called Burka, Khimar und Niqab zu sehen, diskutierte zusammen mit Gini Müller und Christine Standfest zum Thema „Activism, art and policy“ und verwandelte sich schließlich zum Finale des Festivals zur MONSTERFRAU, ein vorbildliches weibliches Souverän. Aktuell arbeitet Lena Wicke-Aengenheyster an der Körperperformance SPRENGKÖRPER – bombing body, das Schöne des Selbstmordattentats und der Geste der Selbstzerstörung.

Wir leben in einer extrem spannenden Zeit. Wir leben in einem der spannendsten Zeiträume der Weltgeschichte. Wir leben in einer Zeit des Kurz-davor. Wir sind immer kurz davor. Das Jetzt ist immer auch gleich ein Jetzt-Gleich. Wir sind immer drauf und dran den nächsten Schritt zu tun. Die Verlockung ist groß. Wir müssen aufpassen, nicht zu stolpern, den Schritt im Jetzt zu vergessen und ihm den Schritt im gleich, im in 1 Minute, 2 Minuten, 5 Minuten oder lassen wir es 10 Minuten sein, vorzuziehen. Alles scheint möglich und alles ist sofort möglich. 24 Stunden. Es ist eine aufgeregte Zeit. Das Jetzt-Gleich lässt einen das Jetzt vergessen. Alle sind im Gleich oder weit weg in der Vergangenheit. Wer nimmt sich noch die Zeit für das Jetzt? Wer denkt nach über das Jetzt? Wer denkt im Jetzt? Die Aufregung wird zur Hast. Rastlos jagen wir dem Gleich, dem Jetzt-Gleich, dem Sofort, Unmittelbar, dem in 2 Minuten hinterher. Wir sind kurz davor. Kurz vor der Wiederholung, kurz vor dem Orgasmus, kurz vor unserer Zerstörung. Die Zerstörung des Jetzt hat bereits eingesetzt. Das ist nicht geheim, das ist offensichtlich, es ist nicht privat, es ist öffentlich. Alles ist öffentlich. Das Private ist nicht mehr existent. Das Nicht-Öffentliche entzieht sich der Öffentlichkeit, entzieht sich der allgemeinen Wahrnehmung und ist somit nicht mehr existent. Wir leben im Zeitalter der Repräsentation. Der sofort realisierbaren und vorzunehmenden Repräsentation. Der öffentlichen Präsentation des Nicht-Öffentlichen. Das mit seiner Präsentation an die Öffentlichkeit aufhört zu existieren. Facebook: „Was machst Du gerade?“. Oder aber, es ist obskur. Das Geheime ist obskur, beängstigend, gehört verfolgt und eliminiert. Die Verschleierung macht verdächtig. Das Öffentliche aber ist harmlos, weil durchschaubar, verfolgbar, der großen Partygesellschaft angehörend. Lasst uns diese Harmlosigkeit nutzen. Die aufgeregte Zeit ist immer auch die Zeit der Hysterie. Dieser Schritt ist im Gleich, Jetzt-Gleich und für einige extrem verlockend. Birgt die Hysterie doch immer auch die Möglichkeiten der totalen Machtergreifung in sich. Kein Mittel ist stärker als das der Angst und des Mißtrauens. In dieser Zeit ist es wichtiger denn je, dass ein Maximum an Mitgliedern dieser Gesellschaft die Entwicklungen dergleichen beobachten, aufmerksam beobachten, aufmerksamst beobachten. Das kritische Denken, die Selbstüber- und -bewachung, die stetige Erinnerung an das Selbst, das eigene Denken nicht vom Strom der Aufregung mitreißen zu lassen. Die absichtliche, stetig eingenommene, wiederholte Distanzierung ist gefragt. Der eigene Blick von außen. Kunst kann in einer solchen Zeit nicht mehr unpolitisch sein. Dann wäre es keine Kunst. Das Politische an der Kunst ist keine Frage von Wahl, steht nicht zur Wahl. Die Kunst erfährt in einer solchen Zeit eine Verschmelzung mit dem Politischen und der gesellschaftlichen Entwicklung. Sie ist politisch und gesellschaftliche Entwicklung. In dem Moment, in dem ein Kunstwerk in einer solchen Zeit nicht mehr aus der Reflektion des aktuellen Zeitgeschehens heraus entstanden ist, gedacht ist, erdacht wurde, selbst nicht mehr das aktuelle Zeitgeschehen reflektiert und/oder eine Positionierung, Behauptung, Intervention aus dem Jetzt heraus in das Jetzt hinein ist. In diesem Moment spricht man nicht mehr von Kunst, sondern von Hobby, von Handwerk, vielleicht von Kitsch, von Souvenirs oder von Devotialien. Voilà. Es ist also nicht mehr nur eine Frage der Verantwortung oder der künstlerischen Positionierung, nein. In dieser Zeit sind die Fragen nach Motivation, Reflektion, Zielgruppe und Weltveränderung eine Frage der Profession und Existenz von Kitsch oder Kunst. Kitsch und reine Unterhaltung sind als Teil der gesellschaftlichen Entwicklung in anderer Weise politisch, tragen sie doch zu einem Aufmerksamkeitsdefizit bei, von dem eine Negativentwicklung vom Jetzt in das Gleich nur profitieren kann. Wir alle sind keine Weltverbesserer, aber vielleicht können wir es werden. Die Frage des Formates ist eine Frage der Strategie, des Ausgangs-, Einsatzmomentes, der Zielgruppe und ihrer Verortungen. Das Format muss den genannten Größen, mit denen es dealen soll, entsprechen und dementsprechend erdacht und gewählt werden. Die Information über Privates und Öffentliches muss unbedingt im Sinne des künstlerischen Agierens bedacht und angewendet werden. Hier geht es nicht mehr um die Kunst der Tarnung, hier geht es um Kunst als Tarnung.

Dank an Nadine Jessen für ihre Kunst als Tarnung.

Sue Bringer, Wien am 8. November 2010

english version, translated by Urs Riegl:

Performance artist Lena Wicke-Aengenheyster was invited to the festival UNDERGROUND CITY Vienna 21 in october 2010. Taking her performance 'THIS IS NOT A BURKA! Just clothes.' (public space performance in Hamburg, Berlin, Linz and Vienna mai 15th – July 15th and september 30th) as a starting point, Lena Wicke-Aengenheyster developed the performative business 'RECONQUERED privacy' for the festival, intending to distribute a variety of Khimars and Niqabs – for fashion and freedom. All through the festival, Lena Wicke-Aengenheyster herself was wearing the so-called Burka, Khimar und Niqab. She took part in the discussion „Activism, art and policy“ with Gini Müller and Christine Standfest and finally metamorphosed into MONSTERFRAU, an exemplary female souverain. Currently, Lena Wicke-Aengenheyster is elaborating the body performance SPRENGKÖRPER – bombing body, the beauty of suicide bombing and the gesture of self-destrucion.

Camouflage! It's an extremely thrilling time we're living in. It's one of the most thrilling period of world's history. It's an era of just-about-to-happen. Always on the verge. The now always means as well, just before. We're always just about to take the next step. The temptation is immense. We have to be careful not to stumble, to forget the step in the now while bringing forward the step of the immediate then, the one in-one-minute, in-two-minutes, in-five-minutes, or, why not let it be ten minutes. Everything seems possible, and everything seems possible immediately. 24 hours. An agitated time. The immediate then makes us forget the now. Everybody is already in the immediate then, or way back in the past. Who's got time for the now? Who is actually thinking in the now? Excitement becomes haste. In a rush we hunt for the then, for the immediate then, the immediate, the instantaneous, the in-two-minutes. We're just before, just about. On the verge of repetition, of orgasm, of our own destruction. The destruction of the now is already taking place. That's not a secret, it's obvious, it's not private, it's public. Everything is public. There is no more privacy. The non-public withdraws from the public, withdraws from general perception and, consequently, is no more existent. It's the age of representation we're living in. A representation to be realized and carried out immediately. The public presentation of the non-public. That ceases to exist with being presented in public. Facebook: „What are you doing right now?“. Or, again, it's obscure. The hidden is obscure, frightening, needs to be tracked down and eliminated. Veiling makes you suspicious. The public, easy to see through, is harmless, traceable, belongs to the overall party. Let's make use of that harmlessness. The agitated age is always at the same time the age of hysteria. This step is in the next, immediate then, and extremely luring for some. Hysteria always contains possibilities of total takeover. There's no more efficient narcotic than fear and suspicion. In these times, it is more important than ever to observe these developments, watchfully, extremely watchfully. Critical consideration, self-control and custody, constantly reminding oneself not to let one's own thinking be carried away with the stream of excitement. What is demanded is deliberate, steadily executed dissociation. Your own outside view. In such an era, art can no longer be apolitical. In that case it wouldn't be art. The political in art is not a matter of choice and is not to be chosen. In such an era, art experiences a fusion with the political and social developments. Art is political and social development. In the very moment that a piece of art from such an era ceases to stem from the reflection of current events, is no longer considered or projected in that way, doesn't reflect current events and/or a positioning, a postulation, an intervention from the now into the now. That very moment we cease to call it art, we call it hobby instead, handicraft, even kitsch, eventually souvenir or devotionals. Voilà. Finally, it's no longer a question of responsibility or artistic position, no. In this era questions concerning motivation, reflection, target audience, changing-the-world impact depend on profession and the existence of kitsch or art. Kitsch and pure entertainment as elements of social development are in other ways political, insofar as they contribute to attention deficit, allowing benefits for negative developments from the now to the immediate then. None of us is a do-gooder, yet we might eventually become one.

The question of format concerns strategy, starting point and moment of action, target public and localization of the latter. Format has to comply with the named entities it has to deal with and has to be conceived and chosen accordingly. Information concerning private and public matters must by all means be considered and applied with regards to artistic operation. This is not about an art of camouflage, it's about art as camouflage.

Sue Bringer, Vienna, november 8th, 2010, translation german → english by Urs Riegl /AT

More about THIS IS NOT A BURKA! Just clothes., MONSTERFRAU and RECONQUERED privacy in an interview with Vedran Saric available on http://soundcloud.com/monsterfrau

and of course www.staatsaffaire.com